Startseite
  Archiv
  F O T O S
  Kurzgeschichte 4
  Kurzgeschichte 3
  Kurzgeschichte 2
  Kurzgeschichte 1
  Gästebuch
  Kontakt
 


Webnews



http://myblog.de/totenbraut88

Gratis bloggen bei
myblog.de





Mein Leben ist kurz, meine Sicht ist eingeschränkt. Die Welt in der ich lebe, ist eine andere als die, in der meine Familie lebt. Aber eigentlich verstehe ich davon gar nichts.

---------------------------------------------------------------

Das kleine Mädchen saß auf der Wiese unter einer großen, alten Eiche und schaute verträumt in den Himmel. Sie streckte die Hände aus, und glaubte, jeden Moment den Himmel berühren zu können. Manchmal war sie sich nicht sicher, ob sie es nicht sogar schon geschafft hatte. Manchmal war der Himmel weiter weg als sonst. Dann konnte sie ihn nicht erreichen, so sehr sie sich auch anstrengte. Aber meistens war er ganz nah.

Der 6 – jährige Marcus stand einige Meter entfernt und beobachtete seine kleine Schwester. Ein Gefühl aus Verzweiflung und Abscheu überkam ihn dabei. Er wagte es selten, sich ihr zu nähern und wenn er es denn trotzdem tat, war er äußerst angespannt oder hänselte sie. Er wusste, dass sie nichts für ihre Krankheit konnte, aber er konnte ihr einfach nicht über den Weg trauen. Ihre Mutter hatte kein Geld, um das Mädchen richtig behandeln zu lassen, oder gar zu diagnostizieren, was genau ihr fehlte.

Es hieß, sie habe eine Nervenkrankheit. Marcus und sein bester Freund Johannes verspotteten sie immer, sagten sie sei irre. Irre, hässlich und fett. In der Tat lagen die beiden richtig. Neben der Nervenkrankheit litt die kleine Emilia an einer körperlichen Behinderung. Ihr kleiner Körper war stark verformt. Ihr Gesicht war verwachsen. Die Nase schien in den Schädel einzufallen, die Augen wirkten, aus quillten sie aus den Höhlen, vor allem wenn das Mädchen lachte. Und im Ganzen war Emilia stark übergewichtig und dadurch gleichzeitig bewegungstechnisch ziemlich eingeschränkt und schnell erschöpft.

So wurde das Mädchen weitgehend von ihren Mitmenschen gemieden. Selbst von der eigenen Familie, die sogar darauf achtete, dass Emilia nie den Bauernhof verließ oder von anderen gesehen wurde, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Sie konnte allerdings nicht verstehen warum. Sie selbst sah sich völlig normal. Wenn sie in den Spiegel schaute, entdeckte sie dort ein junges, hübsches, lächelndes Mädchen vor sich. Sie fand auch nicht, dass sie zu dick war. Im Grunde war sie doch ein ganz normales Mädchen.
Jedes Mal wenn ihr großer Bruder zu ihr kam, und rief, sie sei eine fette, eklige Kuh, konnte sie beim besten Willen nicht verstehen, warum er das immer und immer wieder behauptete.

Überhaupt verstand sie so vieles nicht. Einmal hatte sie auf dem Weg ein kleines Tier entdeckt, sie vermutete es war ein Hase. Das Fell war kuschelig weich gewesen, und das Tier hatte so niedliche Pfötchen. Sie hatte es bereits eine ganze Zeit lang gestreichelt, als sie plötzlich von dem entsetzten Schrei ihrer Mutter aus ihren Träumen gerissen wurde. Auch Marcus kam herbeigelaufen und schaute sie fassungslos an. „Der ist tot, Emilia! Leg ihn sofort weg. Hörst du? Das ist ja abartig!“, hatte ihre Mutter angewidert gesagt und auf ihre Tochter hinabgeschaut.

Völlig verwirrt über die Reaktion ihrer Familie hatte Emilia den toten Hasen beiseite gelegt und sich sogar noch die Hände gewaschen. So, wie ihre Mutter es ihr aufgetragen hatte. Das Gefühl, etwas wahnsinnig Schlimmes getan zu haben überkam sie. Jedoch konnte sie sich nicht denken, was genau sie getan hatte.
Sie hatte doch niemanden gestört, oder beleidigt. Was war falsch daran einen kleinen Hasen zu streicheln?



Marcus beobachtete jedenfalls seine Schwester, die immer noch unter der Eiche saß und ihre Hände dem Himmel entgegen streckte. Er fragte sich, was sie gerade dachte. Was in ihrem wirren Verstand vorging. Manchmal hatte er das Gefühl, als sähe sie durch ihn hindurch. Als sähe sie nur das, was sie sehen sollte.



Einmal hatte er ihre alte Stoffpuppe heimlich genommen und aus einer Laune heraus den Kopf abgerissen. Es war die Lieblingspuppe seiner Schwester. Aber als er sie wieder vor ihre Füße warf, hob sie die Puppe auf und begann mit ihr zu spielen, als wäre sie unverändert.

Marcus dachte sie wollte ihn nur ärgern und stopfte bei seinem zweiten Attentat die Puppe mit fauligem Obst aus. Dann legte er sie in Emilias Bett und wartete.
Das Mädchen nahm die Puppe bei Abend in die Arme und schlief glücklich ein. Sie schien den abgerissenen Kopf und das stinkende Obst nicht zu bemerken.

Schließlich tat es ihrem Bruder Leid und Marcus wollte das Obst entfernen, wenn er schon nicht den Kopf annähen konnte. Aber Emilia weigerte sich, ihm die Puppe zu geben. Sie wollte sie genauso behalten, wie sie war. Als Marcus in seiner Verzweiflung über die Reaktion seiner Schwester die Puppe mit Gewalt wegnehmen wollte, begann Emilia bitterlich zu weinen, so dass Marcus es auf sich beruhen lassen musste.

Der Junge verstand nicht, warum gerade er so eine Schwester haben musste. Warum konnte er nicht normale Geschwister haben, so wie alle seine Freunde? Wahrscheinlich war genau das einer der Gründe, weshalb er sie ständig ärgern und hänseln musste.



Heute war jedoch ein anderer Tag. Er hatte beschlossen, sich wenigstens dieses Mal mit ihr auseinanderzusetzen. Er ging also zögerlich zu ihr und setzte sich in einem geringen Abstand neben sie. Emilia bemerkte ihn nicht. Sie schaute lächelnd und mit funkelnden Augen in den Himmel.

„Emilia? Was machst du da?“, fragte er sie. Das Mädchen guckte ihren Bruder nicht an, antwortete aber: „Ich berühre den Himmel, ich kann ihn richtig festhalten!“ „Emilia, das geht nicht! Niemand kann den Himmel berühren“, meinte er etwas gelangweilt.

Aber seine Schwester glaubte ihm natürlich kein Wort: „Siehst du denn nicht, wie ich ihn halte? Er ist ganz weich, so wie die Bettdecke von Vater und Mutter!“ Marcus seufzte. Zum Einen, weil er wusste, das sie den Himmel NICHT berühren konnte, zum Anderen, weil ihr Vater seit zwei Jahren tot war und Emilia dies immer noch nicht begreifen konnte.

Sie sprach zwischenzeitlich immer noch mit ihrem Vater. Sie lachte und schien eine imaginäre Unterhaltung zu führen.

Erst wollte Marcus das Gespräch beenden, es hatte ja doch keinen Sinn. Aber dann entschied er sich, doch noch einen Moment zu bleiben. „Emilia? Stört es dich nicht, den ganzen Tag alleine rum zu sitzen und nichts zu tun?“, fragte er vorsichtig. Irgendwie musste er doch mit ihr sprechen können. „Ich bin nicht alleine“, sagte sie ganz selbstverständlich.
„Doch! Du bist ganz alleine, niemand ist bei dir!“, rief Marcus. „Nein“, behauptete Emilia weiter, „ich bin nicht allein. Hier sind ganz viele nette Leute bei mir!“ Emilia lachte.

Marcus sprang auf: „Emilia, hör auf damit! Sieh dich doch um! Da ist niemand! Du BIST allein. DU BIST ALLEIN!“ Er konnte sich einfach nicht mit ihr unterhalten. Er konnte einfach keine Geduld dafür aufbringen.

Emilia drehte ihren Kopf in seine Richtung und guckte finster: „Nur“, begann sie und hielt kurz inne, „weil DU sie nicht sehen kannst!“

Marcus trat entsetzt einen Schritt zurück. Und wieder hatte er Angst vor seiner kleinen, unheimlichen Schwester. Er wollte nicht nachgeben: „Wenn du denkst, da ist jemand, dann beweise es mir doch!“ Der Junge war plötzlich ziemlich aufgebracht.

Mit einem Mal stand Emilia abrupt auf, völlig untypisch für das schwerfällige Mädchen, kam auf ihren Bruder zugestürmt und packte ihn fest am Handgelenk: „Vielleicht sollte ich dir wirklich beweisen, das sie da sind!“ Ihre Augen waren weit aufgerissen und ihr furchtbares Gesicht kam seinem unglaublich nahe.

„Emilia“, stotterte er erschrocken, „lass mich los, das tut doch weh!“ Doch Emilia ließ ihren Bruder nicht los. Erst als er begann zu treten und zu beißen und sich mit aller Kraft gegen ihren starken Griff zu wehren, ließ sie ihn los und begann überglücklich zu lachen.

Fassungslos starrte er sie an. Wie sie sich wieder setzte und den Himmel erneut betrachtete.
Ohne zu zögern rannte er ins Haus und verkroch sich auf dem Dachboden. Das hatte sie noch nie getan! Egal wie sehr er sie geärgert oder beleidigt hatte. Doch warum war sie plötzlich so anders?



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung